125 Jahre Stadttheater Flensburg: Das vergessene Jubiläum

Der 23. September 1894, ein Sonntag, gehört zu den historisch und kulturell wichtigsten Daten in der Stadtgeschichte. Es ist der Tag der Einweihung des Flensburger Stadttheaters vor 125 Jahren, genau an dem Platz in der Rathausstraße, wo es auch heute wieder seine Tore zur Premiere von Verdis Oper „Rigoletto“ öffnen wird. Ich finde es schon beschämend und peinlich zugleich, dass dieser stattliche Geburtstag nicht gefeiert wird.

Dieses Theater und seine bis heute unzähligen Theatergänger hätten es mehr als verdient gehabt. Es sei nur daran erinnert, dass es ohne das große Spendenaufkommen der Flensburger gar nichts zu feiern gäbe. Ob nun das Theater, die Stadt oder für das Theater agierende Vereine und Stiftungen: Alle sind über den bedeutenden Geburtstag hinweggegangen. Warum gehen wir nur so fahrlässig mit unserer Tradition und Geschichte um? Ein Blick zurück in das Jahr 1894 führt uns signifikant vor Augen, warum wir alle bis heute eine große Verpflichtung und Verantwortung tragen, das Flensburger Theater zu besuchen, zu würdigen und zu erhalten.

Dieses repräsentative Bauwerk, dieser zweite Stadttheaterbau in Flensburg, tritt nach nur zweieinhalbjähriger Bauzeit die Nachfolge des ältesten Schauspielhauses Schleswig- Holsteins an, das im Hof des alten Rathauses seit 1795 als Kulturstätte gedient hatte und aus Sicherheitsgründen (Feuergefahr) 1883 abgerissen werden musste. Seit Wochen gibt es 1894 unter vielen der 44.000 Bürgerinnen und Bürgern Flensburg kein wichtigeres Thema als den neuen prächtigen Theaterbau im Stil der italienischen Renaissance nach Zeichnungen und Plänen des Flensburger Stadtbaurates Otto Fielitz. „Flensburg hat, Gott sei Dank, wieder ein Stadttheater, und was für eins! Wir haben ein reizendes, neues Theater, ein vollkommenes kleines Residenztheater“, schreiben die „Flensburger Nachrichten“. Dem Reiz des äußerlich an einen florentinischen Palazzo erinnernden Theaters kann sich auch der neue Direktor Emil Fritzsche nicht entziehen und hebt dabei die Gemeinschaftsanstrengungen der Flensburger hervor: „Kunstsinn und Opferbereitschaft der hiesigen Bürger haben der Stadt ein Gebäude erschaffen, auf welches mit Recht jeder Flensburger stolz sein kann.“ Nach einem Spendenaufruf von Oberbürgermeister Wilhelm Toosbüy und 23 anderen Stadtoberen gehen bis zum Baubeginn 1892 67.265 Mark aus der Bürgerschaft ein, mehr als ein Fünftel der Baukosten, die sich schließlich auf 315.158 Mark belaufen.

Mit einem Gefühl für das geschichtlich Bedeutsame legt Direktor Fritzsche die Eröffnungsfeierlichkeiten auf den 23. September fest, auf den Tag genau acht Jahre nach der ersten Zusammenkunft von Bürgern und Stadtverordneten zum Bau des 2. Stadttheaters, das mit der Erneuerung von elektrischem Licht im halbrunden Parkett wie auch im 1. Und 2. Rang 850 Besuchern Platz bietet.

Endlich ist es so weit, das Stadttheater wartet auf seine feierliche Einweihung. Über 1700 Menschen wollen Augen- und Ohrenzeuge dieses außerordentlichen Ereignisses werden. Man darf wohl vom kulturhistorisch bedeutsamsten Festakt des 19. Jahrhunderts in Flensburg sprechen. Die Kartennachfrage übersteigt alle Erwartungen.

Deshalb entschließt sich Theaterdirektor Emil Fritzsche zu etwas sehr Ungewöhnlichem: Die Festveranstaltung wird am darauffolgenden Abend wiederholt. An beiden Tagen ist das Theater restlos ausverkauft. „Durch das freundlich und elegant anmuthende Vestibül des Hauses fluthete gestern Abend eine erwartungsvolle Menge in die inneren Räume (…) Strahlener Lichtglanz erfüllte den Zuschauerraum (…) Viele festliche Toiletten erhöhten den Glanz des hübschen Bildes“, bezeugt ein Zeitungsartikel die großartige Festtagsstimmung. Nach Beethovens Ouvertüre „Zur Weihe des Hauses“ und vor Schillers „Wilhelm Tell“ steht ein von Direktor Fritzsche gedichtetes Festspiel auf dem Programm, mit dem er mahnend den Bogen der Verpflichtung und Verantwortung gegenüber dem Theater bis in unsere Zeit spannt. Das dürfen wir nie vergessen!

Eine Pflegekind ward heute Euch geboren.

Ich leg‘es Euch an‘s Herz, o hütet`s treu.

Denn wenn dem Kind die Pfleger geh‘n verloren,

Dann ist`s mit Kunst und Schaffenskraft vorbei…

O möge nun in dieser Feierstunde

Entstehen zwischen uns ein inn‘ges Band,

Das Eurem schönen Lande bringe Kunde,

Welch `herrlich` Werk für immer hier erstand.


Wolfgang Raube – ein Theaterfreund seit seiner Jugendzeit

Quelle: Jens Junge, Pixabay